Donnerstag, 17. Januar 2013

Hauchdünn bitte, hauchdünn!

Lange bevor ich in mein kleines Städtchen an der Nordseeküste zog, habe ich schon Fisch verkauft, und in Zuge dessen auch den ein oder anderen Tag hinter der Theke in einem Supermarkt verbracht. Leider war es da so, dass ich nicht nur Fisch verkaufen durfte, sondern gelegentlich auch in der Wurst und Käseabteilung aushelfen musste.
Die Käseabteilung war ein weiteres kleines Steckenpferd meiner Wenigkeit, denn ich finde neben Fisch ist Käse eines der anspruchsvollsten Lebensmittel. Sich mit Käse richtig gut aus zukennen, was mir trotz häufigem probierens nie endgültig gelungen ist, gleicht schon fast einem guten Sommelier.
Gerade beim Käse unterscheiden sich die verschiedenen Sorten doch sehr von Landschaft zu Landschaft, und es faszinierend wie ein Affineur es schafft aus ein und dem selben Rohprodukt zich verschiedene Endprodukte zu zaubern.
Um den Bogen wieder zurück zu schlagen, mit wesentlich weniger Freude als in der Käseabteilung widmete ich mich dem Verkauf der Wurstprodukte.
Fleischprodukte waren so da, und gelegentlich auch Beratungsintensiv, Wurst hingegen ist glaube ich eines der am selbstverständlichsten Lebensmittel überhaupt.
Abgesehen von einigen Tipps zu Lagerung (ja sie können diese Salami wirklich in einem Keller ohne Kühlschrank lagern) oder ähnlichem, war das Beratungspotential hinter einer Wursttheke doch sehr beschränkt.
Mein Glück bestand darin, dass der Supermarkt der damals meinen Lebensunterhalt finanzierte über hervorragende Wurst und Schinkenspezialitäten verfügte, aus eigener Bioproduktion, so dass ich wenigstens die Ware mit gutem Gewissen verkaufen konnte.
Somit sprach sich sehr schnell in den feineren Kreisen der Darmstädter Gesellschaft herum, dass man für sehr viel Geld in diesem Markt etwas gutes zu Essen erstehen kann.
Eigentlich sollte mich das erfreuen, sorgten doch Bons mit einem Wert von 80€ an der Wursttheke dafür, dass mein Job relativ Krisensicher war.
Nur begegnete einem als Wurstverkäufer das gleiche Phänomen was einem als Fischverkäufer auch begegnet, nur dass ich das noch weniger verstehen kann.
Zweifelt man bei einem Fischverkäufer seine fachliche Qualifikation an, so ist das oft dem Umstand geschuldet dass fachliche Qualifikation in Sachen Fisch ein rares Gut ist, und, so schade ich das finde, einem wirklich oftmals auch Verkäufer begegnen die nicht mal Fisch essen. Ich habe hingegen noch nie eine Fleischwarenfachverkäufer/in getroffen, die Vegetarier ist.
Deshalb frage ich mich umso mehr wie es zu folgendem Szenario kommen kann, und ja ich arbeite wieder einige der Klischees ein, die ich vielleicht schon mal erwähnte:
Der Kunde kommt an den Tresen und das Gespräch beginnt "Guten Tag, was kann ich ihnen gutes tun"
"Ich hätte gerne Fleischwurst ohne Knoblauch"
"Schönen guten Tag erstmal. selbstredend, wieviel darf es sein?"
"Sie müssen mir nicht beibringen wie man grüßt"
"Ein halber Ring ist recht?"
"Dann hätte ich noch gerne 10 Scheiben Lyoner"
Hier ist das erste was mich immer wieder ärgerte. Damals war ich noch ein Jüngling, nicht gewaschen mit den Wassern des Verkaufs, und noch deutlich empfindlicher solchen Unhöflichkeiten gegenüber als heute.
"Ja, gebe ich ihn gerne, aber klären wir doch erstmal zu Ende ob die Menge so recht ist?"
"Ah ja, dachte das war offensichtlich, ja ist es"
Vielleicht war es das - aber Reden ist deshalb immer eine so schöne Sache, weil es beim einkaufen hilft Missverständnissen vorzubeugen.
"10 Scheiben Lyoner, was kann ich Ihnen außerdem gutes tun?"
"150 Gramm Parmaschinken, aber so dünn geschnitten dass ich die Zeitung durchlesen kann, ich esse den nur hauch dünn"
"Ich nehme zum Zeitungslesen meist meine Brille. Aber dass der dünn geschnitten wird, ist nicht unbedingt eine Neuigkeit von südlich der Alpen"
Und das, liebe Leser, ist eine Sache die ich wirklich nicht nachvollziehen kann. Die Zeiten, in der Mann 200 Gramm von der Groben Fetten wollte, es aber nicht ging weil sie zur Berufsschule war, sind schon lange vorbei.
Kein Verkäufer will Mitleid oder ähnliches. Nicht ob der schlechten Arbeitszeiten (6-22 Uhr Verfügbarkeit), nicht wegen des geringen Lohnes und der mit spätestens 50 kaputten Knie. Auch nicht dafür  ,dass Mama und Papa vll wollten dass man was anständiges lernt und nicht Erzieher wird, und man deswegen mit 45 da steht und eigentlich was anderes wollte. Aber man sich jeden Tag hoch motiviert auf den Weg zur Arbeit macht, immer lächelnd und trotz der kruden Fragen immer nett.
Aber etwas Respekt wäre stets schön.
Respekt kostet selten was,genauso wenig wie Höflichkeit. Aber wieso glaubt man als Kunde dass der Verkäufer nicht in der Lage ist zu wissen wie man Schinken schneidet? Kein Mensch mag Parmaschinken in dicken Scheiben, außer man braucht Parmaschinkenwürfel. Aber dann wird es meist extra dick bestellt.

Es interessiert keinen, deswegen wird auch keine meiner ehemaligen Kolleginnen, die z.b. lieber Kindergärtnerin werden wollte, aber Verkäufer werden musste, dass dem Kunden erzählen. Aber hinter jedem Leben hinterm Tresen steckt eine Geschichte.
Jeder meiner Kollegen versucht jeden Tag einen guten Job.  Aber die wenigsten meiner Kollegen stehen da wo sie sind, weil sie gut aussehen, sondern weil sie Ahnung haben von dem was sie tun. Und jeder Mensch funktioniert besser, wenn man nicht mit Misstrauen beginnt, sondern ihm was zutraut.
Keiner, und dieses Beispiel habe ich schon bemüht, geht zum Arzt und misstraut der Diagnose, holt sich nen Anwalt und misstraut dem Mandat, kauft ein Auto und misstraut dem Verkäufer.
Es gibt sicher Jobs die stressiger sind, wo man sich die Knochen noch mehr kaputt macht.
Aber ich verspreche Ihnen, in 10 Stunden, 250 Kunden nett und lächelnd zu bedienen, und das obwohl man manch unverschämten Spruch hört, ist eine Königsdisziplin.

Denn die meisten die Verkaufen wissen wie Schinken geschnitten werden muss, und wenn es mal 1 mm zu dick ist, verzeihen Sie es und sprechen sie es beim nächsten Mal an.
Nette Kritik wird meist mit nem Wiener belohnt ^^

Gruß
Jojodokus

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen